Es gibt Gebäude, die man verleugnet, solange man sie bewohnt, und die man vermisst, sobald man ausgezogen ist. Der Plattenbau gehört zu dieser Kategorie. Für Millionen ostdeutscher Bewohner war die Wohnanlage aus vorgefertigten Betonteilen kein ästhetisches Projekt, sondern schlicht Zuhause — mit allem, was dazu gehört: der Geruch des Treppenhauses, das Quietschen des Fahrstuhls, die Nachbarin aus dem dritten Stock, die immer schon oben war, wenn man ankam.
Heute, mehr als drei Jahrzehnte nach der Wende, erleben diese Bauten eine Neubewertung — langsam, tastend, noch nicht abgeschlossen. Die Neubewertung kommt nicht von Architekturkritikern oder Denkmalbehörden. Sie kommt von den Bewohnern selbst: von den Menschen, die dort aufgewachsen sind, oder von einer jüngeren Generation, die in diesen Strukturen etwas sieht, das dem Neubau fehlt.
Was der Plattenbau war
In der DDR wurde der industrielle Wohnungsbau als Lösung für eine reale Knappheit entwickelt: Millionen Menschen brauchten Wohnungen, und sie brauchten sie schnell. Die WBS 70 — das meistgebaute Plattenbausystem der DDR — war kein Architekturtraum, sondern Pragmatismus. Eine Wohnung mit Zentralheizung, fließend warmem Wasser und einem eigenen Bad war für viele DDR-Bürger eine echte Verbesserung gegenüber dem Altbau ohne Heizung.
Diese Tatsache wird in der westlichen Rückblende oft ausgeblendet. Der Plattenbau gilt als Symbol der totalitären Uniformität, als gebaute Ideologie. Aber für diejenigen, die darin gewohnt haben, war er zunächst einmal: praktisch. Und das ist keine Kleinigkeit.
Die Entwertung nach 1989
Mit der Wende kam die Entwertung. Wer konnte, zog um — in den Altbau, in den Westen, in das frisch sanierte Einfamilienhaus. Die Plattenbaugebiete wurden zu Auffangbecken: für die, die keine Wahl hatten, für ältere Menschen, für ärmere Haushalte. Die Stigmatisierung war real und ist es geblieben.
„Das Problem mit dem Plattenbau ist nicht das Material. Es ist die Geschichte, die wir drüber geschrieben haben."
Dr. Anna Schreiber, Stadtsoziologin, Leipzig
Was in dieser Geschichte fehlt, ist die Perspektive der Bewohner. Nicht die Bewohner als soziologische Kategorie, sondern als Menschen mit einer Biografie, die an einem bestimmten Ort verankert ist. Wenn man älteren Bewohnern von Lichtenberg oder Grünau zuhört, hört man keine Nostalgie für die DDR. Man hört etwas anderes: eine Vertrautheit mit einem Ort, die sich nicht aus dem Staat ableitet, sondern aus dem gelebten Leben.
Die kulturelle Rehabilitation
In den letzten Jahren ist etwas passiert, das vor einem Jahrzehnt noch undenkbar schien: Plattenbaugebiete werden künstlerisch entdeckt. Fotografen dokumentieren ihre eigenartige Weite, ihre Serialität, die Farben der nachträglich aufgebrachten Wärmedämmung. Musiker aus der experimentellen Szene veranstalten Konzerte in Hochhausfluren. Stadtführer bieten Touren durch Marzahn an — ernstgemeinte, nicht ironische. Mehr zu Stadtentwicklung und Erinnerungspolitik in unserem Stadtleben-Bereich.
Das ist mehr als ein ästhetischer Trend. Es ist ein Zeichen, dass die Gesellschaft beginnt, sich der Komplexität ihrer eigenen Geschichte zu stellen — ohne zu vereinfachen, ohne zu verklären, aber auch ohne zu verdammen. Der Plattenbau war nicht gut oder schlecht. Er war real. Und das ist, am Ende, genug, um darüber zu reden.
Klaus Meier schreibt für Aus dem Beton über Perspektiven und angrenzende Themen.
