Wenn Marie Sommer von ihrer Wohnung erzählt, klingt es nach einer Entscheidung — nicht nach einem Zufall. „Wir wollten kein Zuhause einrichten," sagt sie, „wir wollten einen Zustand einrichten." Einen Zustand der Stille. Der Konzentration. Eines Raumes, der einem nicht ständig etwas sagt, sondern der schweigt.

Das Ergebnis ist 72 Quadratmeter in einem sanierten Gründerzeit-Hinterhof in Berlin-Mitte. Die Wände sind verputzt und in einem matten Greige gestrichen — nicht weiß, nicht grau, sondern irgendwo dazwischen, ein Ton, der je nach Tageszeit anders aussieht. Der Boden ist geschliffener und versiegelter Estrich, der im Licht leuchtet wie polierter Stein. Das Mobiliar beschränkt sich auf das Notwendige: ein Esstisch aus massiver Eiche (selbst gezimmert, mit einem Tischler aus Prenzlauer Berg), ein Sofa in einem warmen Olivgrün, zwei Regale an einer Wand.

Die Philosophie der Weglassung

Marie und ihr Partner Felix sind keine Architekten, aber beide haben sich jahrelang mit Interiordesign beschäftigt — sie als Produktdesignerin, er als Grafiker. Was sie am Ende in ihre Wohnung mitgenommen haben, ist weniger Wissen als Haltung: die Überzeugung, dass ein Raum umso mehr sagt, je weniger in ihm steht.

„Das klingt wie eine Designregel," sagt Felix, „aber für uns ist es eher eine Disziplin. Man muss ständig gegen die eigene Kauflaune ankämpfen. Gegen die Versuchung, Dinge schön zu finden, nur weil sie verfügbar sind." Die Wohnung wurde zwei Jahre lang bewohnt, bevor das letzte Möbelstück kam: ein kleiner Beistelltisch aus dunkel geöltem Walnussholz, der neben dem Sofa steht und genau das tut, was er tun soll — nichts weiter als halten.

Detail: Esstisch aus Massiveiche, darauf eine einzelne Keramikschale — radikale Reduktion im Berliner Apartment
Detail Esszimmer — Tisch aus Massiveiche, Werkstatt Prenzlauer Berg, 2023

Licht als primäres Gestaltungselement

Die eigentliche Protagonistin in der Wohnung ist das Licht. Die Fenster zur Hofseite sind groß und werden nicht verhängt — kein Vorhang, keine Jalousie. Das Licht kommt und geht, wie es will. Morgens fällt es schräg auf den Esstisch und zeichnet ein Streifenmuster auf den Boden. Nachmittags ist der hintere Bereich der Wohnung in Schatten getaucht, während die Küche glüht. Abends verändert sich der Greige der Wände und wird wärmer, fast ockerfarben.

„Wir haben keine Stimmungslampen, keine indirekten Lichtquellen," erklärt Marie. „Nur eine Hängeleuchte aus Messing über dem Tisch und zwei Leselampen. Das war's." Diese Reduktion auf das funktional Notwendige ist kein Sparsamkeitsdiktat — sie ist eine Entscheidung für das Natürliche.

„Dekoration versteckt die Architektur. Wir wollten sehen, was da ist."

Marie Sommer, Bewohnerin

Drei Materialien — eine Sprache

Estrich, Eiche, Messing: Das sind die drei Materialien, aus denen diese Wohnung gemacht ist. Jedes hat seine eigene Textur, seinen eigenen Ton, seine eigene Reaktion auf Licht — aber zusammen bilden sie eine Sprache, die kohärent ist, ohne zu schreien. Der Estrich ist kühl und industriell, die Eiche warm und organisch, das Messing schimmert diskret. Keine dieser Entscheidungen wurde mit Designvorlagen getroffen. „Wir haben uns gefragt: Was fühlt sich in diesem Raum richtig an? Was gibt es schon? Was braucht es?" Mehr über die Materialien der Wahl und wie man sie pflegt, lesen Sie in unserer Materialrubrik.

Die Küche — offen, ohne Türen, ohne Hängeschränke — ist eine der mutigsten Entscheidungen: ein Block aus geschliffenem Beton, kombiniert mit offenen Regalen aus geölter Eiche. Alles, was hier steht, muss es wert sein, gesehen zu werden. „Das hat uns zu besseren Köchen gemacht," sagt Felix und lacht. „Weil man plötzlich keine Verstecke mehr hat."


Jonas Brandt schreibt über Wohnkultur, Innenarchitektur und die Frage, was es bedeutet, einen Ort zu bewohnen.